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Juden in Thessaloniki

Juden in Thessaloniki

Thessaloniki

Gelände des ehemaligen Ghettos von Thessaloniki im Hirsch Viertel

Thessaloniki ist eine der wichtigsten jüdischen Städte außerhalb des Nahen Ostens. Thessaloniki wird auch „Jerusalem des Balkans“ genannt.

Wann genau die ersten Juden nach Thessaloniki gekommen sind ist nicht bekannt. Fest steht, dass als Apostel Paulus 52 n. Chr. nach Thessaloniki gekommen ist er vor einer großen jüdischen Gemeinde gesprochen hat.

1170 berichtet der weltreisende Benjamin von Tudela, dass es in Thessaloniki 500 Juden gibt. Die jüdische Gemeinde wächst in den folgenden Jahren um jüdische Zuwanderer aus Italien und rheinischen Juden, letztere werden auch Ashkenazy Juden genannt.

Nach dem Fall von Konstantinopel werden die Juden des Balkans von den Osmanen gezwungen sich in der Hauptstadt Konstantinopel anzusiedeln. Eine Volkszählung im Jahr 1478 belegt, dass keine Juden mehr in Thessaloniki gelebt haben.

Nach der Eroberung von Granada, Spanien durch Kastilien und Aragon von den Arabern, werden auch die Juden aus Spanien vertrieben. Die ersten Juden erreichen von Mallorca kommend 1492 Thessaloniki. Im darauffolgenden Jahr 1493 kommen weitere sephardische Juden aus Kastilien.

In den folgenden Jahren erreichen immer mehr Juden aus verschiedenen Teilen Europas Thessaloniki. Die osmanischen Herrscher gewähren den fliehenden Juden in Thessaloniki Schutz. 1520 stellen die Juden 57% der Bevölkerung von Thessaloniki und bereits 1614 sind es 68%. Thessaloniki ist damit neben den Griechen und den Osmanen mehrheitlich jüdisch besiedelt.

In der frühen Neuzeit entwickeln sich die Juden aus Thessaloniki zu Händlern, die ihre Waren von Thessaloniki aus in die ganze Welt verschiffen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kommen mit Juden aus Frankreich und Italien die neuen Techniken der industriellen Revolution in das osmanische Reich, welches bereits ab 1821 große Gebiete seines ehemaligen Reiches an den neu entstanden griechischen Staat verloren hat. Thessaloniki ist zu dieser Zeit jedoch nach wie vor unter osmanischer Herrschaft.

Entgegen der ersten Befürchtungen ist die jüdische Kultur nach der Eroberung Thessalonikis durch die griechische Armee 1912 nicht unterdrückt worden. Den jüdischen Einwohnern von Thessaloniki ist von der griechischen Regierung gestattet worden den Sabbat einzuhalten und an Sonntagen zu arbeiten. Die tolerante Haltung der griechischen Regierung ist bei der griechischen Bevölkerung nicht auf Gegenliebe gestoßen. Die griechische Bevölkerung boykottiert und sabotiert jüdische Läden, da die Juden angeblich mit den Osmanen und Bulgaren kollaboriert haben sollen.

Beim großen Brand in Thessaloniki 1917 wird der Großteil des jüdischen Viertels zerstört. Die Geschäfte jüdischer Händler werden nicht nur von Griechen geplündert sondern auch von französischen Truppen, welche außerhalb der Stadtmauern von Thessaloniki während des I. Weltkrieges ein Lager haben.

Ab dem Jahr 1922 verschlechtert sich die Lage der Juden in Thessaloniki. Die Regierung gestattet es nicht mehr am Sonntag zu arbeiten. Plakate und Schriften in nicht griechischer Schrift werden verboten. Den Höhepunkt des griechischen Antisemitismus in Thessaloniki stellt das Abbrennen des neuen jüdischen Viertels „Camp Campbell“ 1931 dar.

Unter dem Diktator Ioannis Metaxas ist der Antisemitismus in Thessaloniki und Griechenland wieder etwas abgeflaut. Dies ändert sich erst wieder mit dem Eintritt Griechenlands in den II. Weltkrieg am 28. Oktober 1940.

Italien erklärt Griechenland am 28. Oktober 1940 den Krieg. Zur Verteidigung der Unabhängigkeit Griechenlands melden sich auch 12.898 Juden aus Griechenland zur Armee. Von den 613 gefallenen Juden während der Kämpfe gegen Italien sind allein 174 aus Thessaloniki. Die Invasion Italiens in Griechenland wird zurückgeschlagen bzw. schon auf albanischem Gebiet aufgehalten. Dies zwingt Deutschland dazu seinem verbündeten Italien auf dem Balkan zu helfen.

Am 9. April 1941 marschiert die Wehrmacht in Thessaloniki ein. Die Repressalien gegenüber der jüdischen Bevölkerung von Thessaloniki begannen nur langsam. Der deutsche Verwalter von Thessaloniki wird nicht müde zu betonen, dass die Nürnberger Rassegesetze nicht für Thessaloniki gelten. Mit der Zeit werden aber jüdische Zeitungen verboten, das jüdische Baron Hirsch Krankenhaus (heute Hippokrates Krankenhaus) konfisziert, den Juden der Zugang zu Tavernen verboten und der Besitz von Radios ist den jüdischen Bürgern verboten worden.

Im Juli 1942 wurden alle männlichen Juden Thessalonikis auf der „Platia Elefterias“ (Freiheitsplatz) zusammengetrieben und zur Körperertüchtigung gezwungen. Die Gesunden wurden in der Folge zur Zwangsarbeit für den Straßenbau der Strecke Thessaloniki – Larisa gezwungen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Malaria in diesem Gebiet noch sehr verbreitet gewesen, was innerhalb von drei Wochen zum Tod von etwa 15% der Zwangsarbeiter führte. Die jüdische Gemeinde von Thessaloniki hat einen gigantischen Geldbetrag aufgebracht um die Zwangsarbeiter freizukaufen.

In der Folge haben Griechen eine Vereinbarung mit den Deutschen getroffen. Der jüdische Friedhof, der außerhalb der alten Stadtmauern liegt, ist von den Nazis an die Griechen verkauft worden, die den jüdischen Friedhof daraufhin zerstört haben und für die Erweiterung der Aristoteles Universität genutzt haben. Der jüdische Friedhof von Thessaloniki ist zu diesem Zeitpunkt der größte seiner Art in Europa gewesen. Es wird geschätzt, dass der Friedhof etwa 300.000 bis 500.000 jüdische Gräber enthalten hat. Zum Vergleich, der zweitgrößte jüdische Friedhof in Europa in Prag hat etwa 100.000 Gräber.

Aus von den Juden aus Thessaloniki haben sich etwa 800 den griechischen Partisanen in den Bergen angeschlossen. Etwa 4000 Juden konnten aus Thessaloniki insgesamt fliehen.

In ihrer Gesamtheit sind die Nürnberger Rassegesetze ab Februar 1943 in Thessaloniki umgesetzt worden. Die Juden wurden in das Baron Hirsch Viertel beim alten Bahnhof von Thessaloniki ghettoisiert. Von dort aus ist der erste Zug nach Ausschwitz am15. März 1943 gerollt. Die Deportation der Juden Thessalonikis ist am 7. August 1943 abgeschlossen worden. Insgesamt sind 58.000 Juden aus Thessaloniki nach Auschwitz und Bergen-Belsen deportiert worden. Dabei starben 98% der jüdischen Gemeinde in Thessaloniki.

Die deutsche Besetzung haben nur 1.783 Juden aus Thessaloniki überlebt.

Erst 1997 ist an der „Platia Elefteria“ (Freiheitsplatz), wo die Juden 1942 zusammengetrieben und zur Zwangsarbeit verpflichtet worden sind, ein Denkmal für den Holocaust errichtet worden.

Heute besteht die jüdische Gemeinde von Thessaloniki aus etwa 1.300 Mitgliedern. Das jüdische Erbe der Stadt wird in Thessaloniki gerne verleugnet. Der jüngeren Generation der Einwohner Thessalonikis ist nicht bewusst, dass Thessaloniki in seinen Blütephasen einen mehrheitlich jüdischen Bevölkerungsanteil hat. Das jüdische Erbe von Thessaloniki wird auch von offizieller Stelle nicht gefördert. So wartet die jüdische Gemeinde auch nach über 60 Jahren noch auf eine Entschuldigung für die Zerstörung des Friedhofs durch Griechen in Zusammenarbeit mit den Nazis.

Auch finden sich in kaum einem Reiseführer aus einem griechischen Verlag Hinweise auf das jüdische Erbe in Thessaloniki. Bei vielen Gebäuden wird lediglich der Architekt des Gebäudes genannt aber nicht, dass es sich um einen jüdischen Besitzer handelte. Selbst das jüdische Museum ist in einer Übersicht der Museen von Thessaloniki herausgegeben vom griechischen Fremdenverkehrsamt 2009 nicht eingezeichnet.

Eine Forderung der jüdischen Gemeinde, die Station an der Metrolinie „Aristoteles Universität“ um den Zusatz „Alter jüdischer Friedhof“ zu erweitern möchte die Stadt Thessaloniki nicht nachkommen.

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